nach dem Evangelisten Matthäus (Mt 5,1-12)

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Vorbemerkung

Die Musikwoche „Wieser Herbst“ der Werkgemeinschaft Musik (24.-30. 10. 2016) erarbeitete unter der Leitung von Arno Leicht als chorisches Hauptwerk die Vertonung der Seligpreisungen aus dem Oratorium „Christus“ (1853-1873) von Franz Liszt in lateinischer Sprache. Aus diesem Anlass widmeten sich die Ansprachen bei den täglichen Laudes der Auslegung der einzelnen Seligpreisungen. Die acht Erklärungen samt Einführung und Zusammenfassung werden im Folgenden angeboten. Eine Synopse des deutschen und lateinischen Textes von Mt 5,3-12 findet sich im Anhang.

Einführung

Die Seligpreisungen stehen bei den beiden Evangelisten Matthäus und Lukas am Anfang der Verkündigung Jesu in Galiläa. Bei Matthäus ist der Berg der Ort der Unterweisung Jesu (Mt 5,1-3), bei Lukas eine große Ebene, ein Feld (Lk 6,17-19).
„Seligpreisungen“ sind Glückwünsche an Menschen, deren Lebensentwürfe zum Gelingen führen, im Sinne von: Glücklich seid ihr, wenn ihr so und so lebt. Im griechischen Urtext ist dafür das Adjektiv makários– „glücklich“ verwendet; daher bezeichnet man die Seligpreisungen fachlich als „Makarismen“.
Dabei handelt es sich um eine Redeform der alttestamentlichen Weisheit. Sie ist beispielsweise in Psalm 1 und in Jeremia 17 verwendet und kennt dort als negative Entsprechung die Verwünschung. In dieser Tradition steht die lukanische Feldrede, die neben den Seligpreisungen („wohl dem, der…“: 6,20-23) auch Weherufe kennt (Lk 6,24-26).
Der sprachliche Aufbau der Seligpreisungen ist zweiteilig: Im ersten Teil werden jeweils die Personengruppen genannt, denen gratuliert wird. Paradoxerweise sind es Menschen, denen es nach äußerem Anschein nicht gut geht, die in der gesellschaftlichen Achtung ganz unten stehen: Arme, Trauernde, Verfolgte. Im zweiten Teil wird jeweils begründet („denn“), warum der Lebensentwurf zum Glück führt. Und diese Begründungen werden zu Verheißungen, dass sich die gegenwärtige missliche Lage ins Gegenteil verkehrt. Es ist der Lohn für den gewählten Lebensentwurf. Damit wird im zweiten Teil begründet, warum es sich lohnt, so und so zu leben.
Die Verheißungen haben ihren Ursprung in der frühjüdischen Apokalyptik. Dort sind sie Verheißungen für eine ferne Zeit, die Zeitenwende bzw. das Zeitenende, das Gott heraufführt.
In der Bergpredigt aber sind die Verheißungen auf das aktuell anbrechende Reich Gottes („Reich des Himmels“ bei Mt) bezogen, damit auf die Gegenwart, nicht erst auf das ferne Zeitenende. Das Reich Gottes ist die im Sinne Gottes veränderte neue Gesellschaftsordnung der Gegenwart.

Auslegung


1.Seligpreisung

„Selig sind die Armen im Geist, denn ihnen gehört das Reich des Himmels“ (Mt 5,3).

In der lukanischen Fassung bilden die erste Gruppe die sozial Armen: ptóchoi – „Bettler“ steht im Urtext (Lk 6,20). Das sind die Armen im materiellen Sinn. Bei Matthäus aber ist die Armut spiritualisiert, überhöht: Es sind die „Armen im Geist“ (en pnéumati – in spiritu). Zu diesem schwierigen Ausdruck gibt es zwei Deutungen:
  • „Geist“ sei der göttliche Geist; dann sind die vor Gott Armen gemeint (EÜ). Man kann dabei an die Tempelfrommen denken, die alles von Gott erwarten und sich ständig im Tempel aufhalten wie Simeon und Hanna in Lk 2,22-38.
  • Oder es sei gemeint: Arm in ihrem Geist, d.h. in ihrer Haltung und Lebensführung. Da sind freilich nicht die geistig Minderbemittelten gemeint, sondern die Demütigen, die bescheidenen, einfachen Menschen, die Stillen im Land, die nicht nach außen auftrumpfen.
Der Ausdruck „Arme im Geist“ muss aber offenbleiben.
Die Verheißung, die ihnen in der 1. Seligpreisung gegeben ist, lautet: Sie werden Bürger des Reiches Gottes sein. Sie werden Gottes neue Gesellschaft tragen und gestalten. Bei der Formulierung „ihnen gehört das Himmelreich“ schwingt die alttestamentliche Landverheißung mit, wie sie an Abraham und seine Familie mehrfach ergangen ist.
Ein klärendes Wort zu „Himmelreich“, wie Matthäus im Rahmen der Verheißungen immer formuliert. Damit ist nicht das Reich im Himmel über uns gemeint, nicht das Paradies oder das Elysium oder unsere erhoffte künftige Existenz bei Gott. Vielmehr ist das „Himmelreich“ bedeutungsgleich mit „Reich Gottes“, mit dem Reich, das vom Himmel auf die Erde herabkommt: Die Herrschaft Gottes, seine neue gerechte Gesellschaftsordnung, die ungerechte Strukturen aufhebt. Dieses Reich Gottes auf Erden braucht bestimmte Menschen als Bürger und Träger einer gerechten Gesellschaft und die sind mit ihren Eigenschaften in den Seligpreisungen der Bergpredigt genannt. Es sind nach der 1. Seligpreisung dich jetzt Nichtbesitzenden; sie tragen und formen durch ihre demütige einfache Lebensweise das Reich Gottes auf Erden.

2.Seligpreisung

„Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land/die Erde besitzen“ (Mt 5,4).

Welche Gruppe wird glücklich gepriesen? Die lateinische Übersetzung hat sich festgelegt: mites – „die Mildgestimmten, die Sanftmütigen“, die ihren Zorn besiegen, die Selbstbeherrschung üben.
Die EÜ hat das griechische praýs/praeís des Urtextes politisch gedeutet: Menschen, die „keine Gewalt anwenden“; die, anders als die damaligen Zeloten, Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworteten, auf Vergeltung verzichteten und damit die Spirale der Gewalt durchbrachen.
Das Substantiv praýtes bezeichnet vielfach auch die Demut und damit läge die 2. Seligpreisung nahe an der ersten: Es sind die demütigen Menschen gemeint, deren Demut sich in Freundlichkeit äußert.
Diesen Stillen, wenig Auftrumpfenden ist im Verheißungsteil der 2. Seligpreisung das Land zugesagt. Die alttestamentliche Landverheißung, Israel in der Wüste mit Blick auf das Gelobte Land zugesprochen, gilt hier den Gewaltlosen. Sie werden die eigentlich Besitzenden sein, nicht die Eroberer, nicht die militärischen Sieger – ganz entsprechend dem Paradox der Bergpredigt: „Leistet keinen Widerstand; halte dem, der dich schlägt, die andere Wange hin“ (s. Mt 5,39f.). Also, Verzicht auf jegliche Gewalt: Ein Markenzeichen der jesuanischen Ethik – und im Idealfall - des Christentums.

3.Seligpreisung

„Selig sind die, die trauern, denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,5)

Die lukanische Fassung ist wieder konkreter, direkter, aktueller: „Selig, die ihr jetzt weint, ihr werdet lachen“ (Lk 6,21) Sie richtet sich ganz präsentisch an Menschen, die momentan heftigen Schmerz über einen schweren Verlust empfinden, ganz aktuell und heutig. Ihnen ist eine Wende um 180 Grad angesagt: Die momentane Trauer ist kein Dauerzustand: Gott wird eine Wende herbeiführen. Von einer solchen unvermuteten Wende spricht auch der Psalm 126: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“ (Ps 126,5).
Die matthäische Fassung ist wieder allgemeiner und überhöhter in der Aussage. Trauern, Trauer ist umfassender als Weinen. Trauer ist eine Haltung, ein lang anhaltender schmerzlicher Zustand.
Biblisch wird das Wort öfter gebraucht von der Trauer über Jerusalem und seiner oftmaligen Zerstörung. Das führt zu einer anhaltenden Trauerhaltung seiner Bewohner. Der anonyme Prophet von Jesaja 61 hat unter anderen auch die Aufgabe, „die trauernden Zions zu trösten (Jes 61,3).
Doch alle Trauer dieser Weltzeit wird nach der Verheißung der 3. Seligpreisung abgelöst durch Trost.
„Trost“: Das ist wieder eine ganz alttestamentlich geprägte Verheißung: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass der Frondienst zu Ende ist, dass die Schuld beglichen ist“. So beginnt der zweite Teil des Jesaja-Buches, der vielfach die Tröstung für das darniederliegende Volk nach der Katastrophe ausruft und beschwört (Jes 40,1.2).
Trost ist hier nicht Vertröstung auf eine unbestimmte Zukunft, sondern Trost ist sofortige göttlich bewirkte Wende zum Heil, der große Umschwung zum Besseren.
Wir sind überzeugt, dass solch wirksamer Trost durch Menschen vermittelt wird, die unter Trösten verstehen: Zu Herzen reden und zupackend helfen. So gedeutet, spricht die 3. Seligpreisung und ihrer Verheißung uns direkt an und fordert uns auf, wirksam zu trösten, wenn es nötig ist.

4.Seligpreisung

„Selig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden“ (Mt 5,6).

Wieder ist die lukanische Fassung sehr konkret und direkt: Selig, wenn ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden“ (Lk 6,21). Lukas hat die gegenwärtig Darbenden im Blick, deren leiblicher Hunger zuerst gestillt werden muss, um offen zu werden für geistige Botschaften. Lukas formuliert ganz im Sinn des Magnificat: „Die Hungernden erfüllt er mit seinen Gütern, die Reichen lässt er leer ausgehen“ (Lk 1,53).
Bei Matthäus aber hungern die glücklich Gepriesenen nicht nach Brot und dürsten nicht nach Trank, sondern – ganz abstrakt und übertragen – „nach Gerechtigkeit“.
Die alte Streitfrage der Auslegung, ob es sich bei der Gerechtigkeit um eine göttliche Gabe handelt oder um ein menschliches Verhalten, ist vom Kontext der Bergpredigt unbedingt zugunsten der menschlichen Gerechtigkeit zu beantworten, die anzustreben ist. Selig gepriesen werden die Menschen, die sich um mehr Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft einsetzen und dafür kämpfen. Darum heißt „hungern und dürsten“ hier nicht nur sich danach sehnen, sondern vor allem sich mühen um die Gerechtigkeit, sich für sie einsetzen, um sie kämpfen. Die glücklich Gepriesenen sind also die, die aus dem Unbehagen über so viel Ungerechtigkeit um uns sich für mehr Gerechtigkeit stark machen.
Man darf für die Auslegung der 4. Seligpreisung auf die Taufszene bei Matthäus verweisen, wo Jesus die Taufe des Johannes für sich fordert, weil er nur so „die Gerechtigkeit ganz erfüllen kann“ (Mt 3,15). Sie besteht im Sich-Kleinmachen-Können, im Dienen und Selbst-Erniedrigen für andere, damit mehr Gerechtigkeit einkehrt.
Und eine weitere Konkretisierung aus dem Kontext erfährt die hier gemeinte Gerechtigkeit im Kontext der folgenden Bergpredigt, denn sie gibt ihren Hörern als Ziel auf, eine „größere Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“ anzustreben (Mt 5,20).

5.Seligpreisung

„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden selbst Barmherzigkeit erlangen“.

Bei dieser Seligpreisung entsprechen sich Vorder- und Nachsatz – nach dem Prinzip: Wie man sich bettet, so liegt man oder: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.
Alles, was man gibt, erhält man wieder zurück. Der Schenkende wir selber am meisten beschenkt. Darin besteht der göttliche Lohn für die hier und jetzt ausgeübte Barmherzigkeit.
Im Jahr der Barmherzigkeit haben wir gelernt: Die Rede vom barmherzigen Gott spricht Gott fraulich-mütterliche Gefühle zu. Denn das hebräische Wort für Gerechtigkeit, rachamim, ist eine Abstraktbildung zu rächäm – „Mutterschoß“, „Gebärmutter“. Das bedeutet: Alles, was eine Mutter ihrem Kind an Wärme, Geborgenheit, Schutz und Leben zuwendet, gilt auch für Gottes Handeln an uns und wird zum Maßstab für unser Handeln aneinander.
Das lateinische Wort für barmherzig appelliert noch deutlicher an unser Barmherzigsein: miseri-cors, was so viel heißt wie: Das Herz bei den Armen haben. Wenn wir in dieser Weise unsere Gefühle den Menschen zuwenden, die uns brauchen, dann sind wir die besten Vermittler der göttlichen Barmherzigkeit. Uns selber gilt dann der Glückwunsch der 5. Seligpreisung, ebenso ihre Verheißung der göttlichen Barmherzigkeit, die wir für uns erhoffen.

6.Seligpreisung

„Selig sind die mit reinem Herzen, denn sie werden Gott schauen“.

Der Ausdruck „reines Herz“ kommt aus der alttestamentlichen Psalmenfrömmigkeit. Als deutlichster Beleg dafür kann der Ausschnitt aus der „Torliturgie“ von Ps 24,3.4 gelten: Auf die Frage
„Wer darf hinaufziehen zum Berg des Herrn …?“ erfolgt die Antwort: „Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, der nicht betrügt und keinen Meineid schwört“. Es geht also bei dieser Reinheit um die inneren Voraussetzungen als Bedingungen für den Zutritt zum Heiligtum des Tempels. „Rein“ ist in diesem Zusammenhang schon ganz innerlich, übertragen, spirituell gemeint und bedeutet: Gemeinschaftsfähig sein, mit Mensch und Gott im Reinen sein. Alle unlauteren Machenschaften sind zurückgelassen und abgelegt. Es geht um eine ganzheitlich verstandene Reinheit.
„Herz“ ist in der biblischen Anthropologie das Zentrum menschlichen Wollens, Denkens und Fühlens. Das „Herz“ gilt als Steuerungsorgan des Menschen; der Hebräer denkt mit dem Herzen.
Glücklich gepriesen werden also Menschen, die lauter, ehrlich, aufrichtig und echt auf die Gemeinschaft bezogen handeln und so die Gemeinschaft fördern.
Die Verheißung der 6. Seligpreisung, das „Gott-Schauen“, ist ebenfalls ganz dem AT entlehnt und ist daher auch hier diesseitig, nicht jenseitig gemeint. Jakob, Mose, Jesaja, Elija durften Gott schauen. Dieses Privileg wird nach der Verheißung den Menschen zuteil, die auf die Gemeinschaft ausgerichtet sind und sie prägen, ohne zuerst auf sich selbst zu schauen. Sie schauen Gott im Nächsten und Armen, dem sie sich ganz zuwenden. Denn jeder Mensch ist Gottes Ebenbild (Gen 1,27). So geschieht ihre Gottesschau schon hier und jetzt, wenn sie auf den hilfsbedürftigen Menschen schauen (Gregor von Nyssa).

7.Seligpreisung

„Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Söhne / Töchter Gottes genannt werden“.

Auch die 7. Seligpreisung verleiht den glücklich Gepriesenen ein wahres Adelsprädikat: Sie heißen „Söhne/ Töchter Gottes“.
„Sohn Gottes“, diesen Titel trug der König in Jerusalem; er war Stellvertreter Gottes auf Erden. Diesen Titel gaben die frühen Christen Jesus von Nazaret und umschrieben damit seine königliche Aufgabe auf Erden.
„Söhne und Töchter Gottes“ können nach der Bergpredigt alle genannt werden, denen es gelingt, ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten (Mt 5,45).
Hier ist der Titel „Sohn/Tochter Gottes denen verheißen, die den Frieden stiften, wörtlich, den Frieden machen: eirenó-poioí. Da ist nicht nur eine Gesinnung der Friedfertigkeit gemeint, sondern eine tatkräftige Aktion.
Wie schwer dieses Friedenstiften ist, erleben wir gegenwärtig in Syrien und in der Ukraine. Unerhörte Geduld, gewiefte Diplomatie sind dazu nötig und viele andere Fähigkeiten mehr. Friedenschaffen ist eine echte Sisyphus-Aufgabe. Wenn sie gelingt, verdient sie wirklich höchste Prädikate.

8.Seligpreisung

„Selig sind die, die Verfolgung erleiden wegen der Gerechtigkeit, denn ihrer ist das Reich des Himmels“.

Die letzte Seligpreisung greift noch einmal die Themen Gerechtigkeit und Reich Gottes auf. Der menschliche Einsatz für Gottes Gerechtigkeit bringt Konflikte. Das Verfolgtsein ist das Markenzeichen der frühen Christen. Ihr Christusbekenntnis brachte sie in Konflikt mit den Römern und ihrem Kaiserkult, aber auch mit ihrer eigenen jüdischen Religionsgemeinschaft, der Synagoge.
Konflikte durchstehen, Verfolgungen ertragen und erleiden können – diese Eigenschaften gehören auch zu denen, die das Reich Gottes tragen und gestalten wollen.
In der Vertonung der 8. Seligpreisung durch Franz Liszt fällt die Breite und Intensität gerade dieser Textpassagen auf. Wie unser Chorleiter vermutete, könnte dies eine Anspielung auf die Verfolgungen und Verhaftungen des Metternichschen Polizeistaates sein, unter dem vor allem Künstler und Literaten sehr litten. Der junge Liszt war wohl auch davon betroffen.


Die acht Seligpreisungen, die Franz Liszt vertont hat, haben zum Stichwort „Verfolgung“ noch reiche Zusätze erhalten. Das Thema muss für die Erstadressaten hochaktuell gewesen sein:
„Selig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen,euch verfolgen und lügnerisch alles Böse gegen euch sagen – wegen mir. Freut euch und jubelt, weil euer Lohn reich sein wird im Himmel. So nämlich haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren“ (Mt 5,11.12).
Dass dies Zusätze sind, die aus der Form fallen, ist überdeutlich:
  • Die Jünger werden direkt („Ihr“) angesprochen.
  • Es folgt keine Verheißung mit „denn“; die Verheißungen werden hier durch die beiden Imperative in V.12 ausgedrückt („Freut euch und jubelt“).
  • Jetzt ist der versprochene Lohn eindeutig jenseitig: „Euer Lohn im Himmel wird groß sein“.
  • Ein Vergleichssatz ist angefügt, der auf die Prophetenverfolgungen des Alten Testaments zurückblickt. Die Christen stehen also in einer langen Traditionslinie, wenn sie verfolgt werden.
    Freilich enthält dieser Nachsatz auch einen deutlichen Antijudaismus: Jetzt verfolgen sie auch euch.

Zusammenfassung und aktuelle Bedeutung

  • Sprachlich setzen sich die Seligpreisungen aus zwei Elementen zusammen:
    (1) Aus Glückwünschen für bestimmte Lebenshaltungen.
    (2) Aus Zusagen oder Verheißungen, dass diese Haltungen zum Erfolg führen.
  • Die Seligpreisungen sind bei Mt und Lk Prologliteratur: Sie leiten die folgende Bergpredigt (Mt) bzw. die Feldrede (Lk) ein, in denen jeweils die Reich-Gottes-Predigt Jesu , sein Lebensauftrag, verkündet wird.
  • Von den beiden Fassungen der Seligpreisungen ist die bei Lk konkret, bei Mt überhöht, abstrakt und spiritualisiert.
  • Die Seligpreisungen beiMt benennen Menschen und Menschengruppen, die für das Reich Gottes nötig sind, es aufbauen und tragen. Es sind die jetzt Kleinen, Unterdrückten, Ohnmächtigen, Leidenden; nach der Zeitenwende werden sie die Verantwortlichen des Reiches Gottes sein.

  • Die Seligpreisungen bestärken uns in unserem ganz persönlichen Streben nach einem glücklichen, gelingenden Leben.
  • Die Seligpreisungen benennen an ihren Höhepunkten zwei Tätigkeiten, die heute unser Leben erfüllt machen können: Der Einsatz für mehr Gerechtigkeit und Frieden in unserer Welt, die Überwindung von Ungerechtigkeit und Hass in unserer Gesellschaft.
  • Die Seligpreisungen sagen uns in den Verheißungen des jeweiligen 2. Teils: Es gibt Ziele, für die sich unser ganzer Einsatz lohnt. Die Verheißungen machen uns Mut, dass die Ziele auch erreichbar sind und unser Einsatz zum Erfolg führt.
    Darum gilt uns allen der Glückwunsch: Selig seid ihr, wenn ihr danach lebt (vgl. Lk 10,37).

Theodor Seidl

Literatur:
GNILKA, Joachim, Das Matthäusevangelium. 1. Teil, HThKNT I.1, Freiburg 1986, 111-132.
LUZ, Ulrich, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1-7), EKK I/1, Zürich 31992, 183-218.
ERNST, Josef, Das Evangelium nach Lukas, RNT, Regensburg 61993, 165-181.

Die Seligpreisungen in Mt 5,3-12


3 Beati pauperes spiritu,Selig sind die Armen im Geist,
quorum ipsorum est regnum caelorum.denn ihrer ist das Reich des Himmels.
    
4 Beati mites,Selig sind die Sanftmütigen,
quoniam ipsi possidebunt terram.denn sie werden das Land / die Erde besitzen.
    
5 Beati, qui lugent,Selig sind die, die trauern,
quoniam ipsi consolabuntur.denn sie werden getröstet werden.
    
6 Beati, qui esuriunt et sitiunt iustitiam,Selig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit,
quoniam ipsi saturabuntur.denn sie werden gesättigt werden.
    
7 Beati misericordes,Selig sind die Barmherzigen,
quoniam ipsi misericordiam consequentur.denn sie werden selbst Barmherzigkeit erlangen.
    
8 Beati mundo corde,Selig sind die mit reinem Herzen,
quoniam ipsi Deum videbunt.denn sie werden Gott schauen.
    
9 Beati pacifici,Selig sind die Friedensstifter,
quoniam filii Dei vocabuntur.denn sie werden Söhne / Töchter Gottes genannt werden.
    
10 Beati, qui persecutionem patiunturSelig sind die, die Verfolgung erleiden
propter iustitiam,wegen der Gerechtigkeit,
quoniam ipsorum est regnum caelorum.denn ihrer ist das Reich des Himmels.
    
11 Beati estis, cum maledixerint vobisSelig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen,
et persecuti vos fuerint et dixerint omne malum adversum vos mentientes propter me.euch verfolgen und lügnerisch alles Böse gegen euch sagen – wegen mir.
    
12 Gaudete et exultate,Freut euch und jubelt,
quoniam merces vestra copiosa est in caelis.weil euer Lohn reich sein wird im Himmel.
Sic enim persecuti sunt prophetas,So nämlich haben sie die Propheten verfolgt,