Trier, 24. Mai 2013

Lesung: Koh 3,1-11
Evangelium: Lk 24,13-35

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Vieles an Agnes Kraemer war außergewöhnlich.
Angefangen bei ihrem Geburtstag, dem 29. Februar.

Ihre Begabungen waren es:
die Musik vor allem.

Wenn sie auf der Blockflöte spielte.
Wenn sie einen voll besetzten Dom zum Singen brachte.
Oder die Wiese im Palastgarten.
Und einen Bischof zum Swingen.

Wenn Sie auflachte, dass man unwillkürlich mitlachen musste.

Wie klar und eindeutig sie ihre Meinung sagte.
Aber immer so, dass man auch Kritisches gut hören konnte.
Von Wertschätzung unterfangen und von Respekt vor dem Anderen

Ihr Charme war wunderbar.

Und wie sie kämpfen konnte.
Und das nicht nur in den letzten drei Jahren mit und gegen ihre tödliche Krankheit.
Auch mit ihrem starken Vater, den sie bewunderte und mit dem sie immer wieder in den Ring stieg.

Bei aller Klarheit und vielleicht auch Strenge - ihre Schülerinnen hat sie geliebt.
Kinder ernst genommen in ihrer Würde, mit ihren Begabungen und ihren Grenzen.
Sie hat Ordnung geschaffen und Rahmen gesetzt.
Aber Ordnung und Rahmen waren ihr nie so wichtig, wie die Kinder und Jugendlichen, für die sie sich verantwortlich wusste.

Agnes war außergewöhnlich in ihrer Klarheit und Hartnäckigkeit.

Außergewöhnlich mit ihrem Humor, der sie immer wieder auch herzhaft über sich selbst und über die kleinen Missgeschicke des Alltags lachen ließ.

Wer Agnes gekannt hat, dem werden Szenen vor Augen treten, in denen ihr Humor eine Situation entschärft, ihr Lachen über sich selbst einen angesteckt hat.

Und das Alles jetzt vorbei.
"Alles hat seine Stunde" - sagt Kohelet, der Prediger im Ersten Testament.
"Eine Zeit zum Weinen / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz."

Jetzt ist die Zeit zum Weinen und die Zeit zum Klagen.
Wir werden nicht gefragt, ob wir diese Zeiten wollen oder nicht.
Sie stellen sich ein, überfallen uns.
Sie rauben uns die Kraft und führen uns an die Grenzen dessen, was wir ertragen können.
Sie konfrontieren uns mit uns selbst, mit unseren Fragen nach dem Sinn des Lebens, wenn es doch den Tod gibt.
Und sie führen uns in die Frage nach Gott.
Und warum Er uns das zumutet.
Warum Er Agnes das alles zugemutet hat.
Und warum sie so früh gehen musste.

Wir werden diese Frage nach dem Sinn oder Un-sinn alles dessen nicht beantworten können.
Das weiß auch der Prediger in der Bibel.
"Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte."

Mich tröstet, dass solche Sätze in der Bibel stehen.
Dass auch dort der Mensch nicht behauptet, mehr zu wissen als er wissen kann.

Die eine Überzeugung aber hat er: "Gott hat in alles die Ewigkeit hineingelegt."
Mit anderen Worten:
Nichts, was wir erleben, erleiden, beklagen und beweinen, geht verloren.
Es bleibt erhalten, weil es zu uns gehört.
Weil es uns zu denen macht, die wir sind.
Mit uns zusammen wird Er einmal darauf schauen und uns den Sinn erschließen, nach dem wir jetzt tastend suchen und den wir nicht finden - und nicht finden müssen.

"Alles hat seine Stunde" - sagt Kohelet.
Das Weinen und Klagen - und der Tanz.
Von der einen Zeit in die andere ist es ein weiter Weg.
Und er scheint uns unendlich und zu gehen, als hätte man ein tonnenschwere Last zu tragen.

Aber wir müssen ihn nicht gehen.
Niemand zwingt uns.

Auch die Zeit des Tanzes kommt uns entgegen und wird uns gegeben - genau wie die andere des Weinens und Klagens.
Manchmal, für einen Augenblick, scheint sogar schon jetzt ein wenig davon auf.
Wenn wir mitten im Weinen um Agnes einmal lächeln könnnen, weil uns eine Situation mit ihr in den Sinn kommt, die lustig war oder komisch.

Wir entkommen diesen Gegensätzen in den Zeiten unseres Lebens nicht.
Aber in das alles hat Gott "seine Ewigkeit hineingelegt".
Wir sind es, die auf diesem Wege werden.

Das Evangelium erzählt von zwei Menschen, die auf einem solchen Weg sind.
Auch für sie ist es der Weg des Weinens und Klagens.
Jede Hoffnung auf Zukunft und Leben ist ihnen genommen.
Weil Er tot ist, auf den sie gehofft hatten.
Sie tun das, was Menschen in solchen Situationen tun können.
Sie gehen weg, suchen die Weite, um aus der Enge ihrer Trauer heraus zu finden.
Und sie erzählen einander von ihrer Hoffnung und vom Tod dieser Hoffnung.

Die Bibel sagt: Jesus "kam hinzu und ging mit ihnen".
Dass Er es ist, wird ihnen erst später klar.

Ich glaube, jetzt und in dieser Stunde sind wir an dieser Stelle des Weges:
Wir denken an Agnes.
Wir erzählen einander unsere Trauer.
Wir besprechen unsere Fragen.

Wenn das stimmt, was Lukas hier ins Bild gefasst hat, dann geht der Auferstandene jetzt mit uns.
Dann dürfen wir hoffen, dass Er uns im Erzählen, im Weitergehen, zu verstehen hilft.
Dann dürfen wir weiter hoffen, dass er bei uns bleibt, wenn es immer wieder Abend wird und die Nacht der Trauer und des Schmerzes uns überfällt.
Am Ende der Emmaus-Erzählung gehen die beiden durch die Nacht hindurch wieder zurück dorthin, von wo sie geflohen waren und erzählen, von dem Weg, den sie mit dem Auferstandenen gegangen sind.
Das ist Zukunftsmusik für uns.
Das ist eine Perspektive, jetzt nicht die Realität.
Es muss sie auch nicht sein.
Es darf genügen, glauben zu dürfen, dass wir nicht allein gelassen sind auf unserem Weg und in dieser Zeit des Weinens und Klagens.

Am Ende ihres Lebens hat Agnes gewusst, dass in allen ihren Schemerzen, in denen des Körpers und der Seele, in ihrer Stunde des Weinens und Klagens, Gott längst bei ihr ist.
Als sie im Hospiz war, sagte sie:
"Ich habe immer irgendwie nach Gott gesucht.
Weißt du, wo Er ist? In mir, in mir drin."

Dr. Engelbert Felten