Jubiläumstagung - WGM-Szenen


DDR-Kirchenmusiker-Tagung

Zwei Personen treffen sich, nachdem sie den Grenzübergang Friedrichstraße passiert haben auf der östlichen Seite. Christiane Schneider, C- Musikerin aus Köln und Roman Weber A-Musiker aus Essen. Roman ist ein „alter Hase“ und hört sich die Äußerungen der C-Musikerin amüsiert an. Später kommt Herr Klaus Friedrich, Organist aus Halle dazu.

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Ch:
(kommt, dreimal tief ausatmend durch den Gang nach vorn) Geschafft!! Wieder mal!!

R:
(ebenfalls..) Geschafft! Wieder mal!

Ch:
Ach, hallo, Sie gehören doch auch zu unserer Gruppe. Sie singen Bass.

R:
(zieht sie schnell zur Seite) Wir sind doch keine Gruppe. Jedenfalls nicht hier, im Osten.

Ch:
Ich weiß ja…. Uns fehlt immer noch die Genehmigung.

R:
Genehmigung? (flüstert) Uns gibt es nicht.

Ch:
Irgendwie absurd. Man hat mich ja auch im Vorfeld genauestens instruiert: auf keinen Fall Manuskripte in der Tasche, auf keinen Fall eine Liste oder ein Programm….

R:
..auf keinen Fall den Pass vergessen.. auf keinen Fall als Gruppe auftreten…

Ch:
….Jeden Tag Geld umtauschen….

R:
…auf keinen Fall telefonieren. Ich habe sowieso lange schon den Verdacht, dass die Stasi über uns informiert ist.

Ch:
Meinen Sie wirklich? (schaut sich ängstlich um) Jetzt eben dachte ich, die geben mir meinen Pass nie wieder. Und ich wollte doch pünktlich sein. Ich bin es jetzt, am 4. Tag, schon leid. Immer das Tam Tam hier am Grenzübergang und dann noch der große Umweg zur Pappelallee. Sie wissen wahrscheinlich, warum wir täglich zurück nach West-Berlin gehen müssen?

R:
Westliche Besucher müssten sich sofort bei der Polizei anmelden. Das fand man nicht günstig für diese Art Tagung.

Ch:
Schade. Die anderen Teilnehmer sind doch sicher schon auf dem Weg. Kommen Sie mit? Es ist schließlich kalt hier im Februar.

R:
Ich möchte noch auf unseren Leiter, Dr. Heinz Bremer warten.. Den halten sie gern mal zwei Stunden fest.

Ch:
Hilfe!! Da habe ich fast schon keinen Grund, mich zu beklagen. Entschuldigung, ich bin ja neu hier. Christiane Schneider, C-Musikerin aus Köln.

R:
(amüsiert) Roman Weber, A-Musiker aus Essen.

Ch:
Sie waren sicher schon oft hier auf der Kirchenmusiker-Tagung?

R:
Ich komme seit 10 Jahren.

Ch:
Dann sind Sie sicher schon mit vielen Teilnehmern befreundet. Und ich profitiere davon, dass die Werkgemeinschaft in den letzten Jahren auch C-Musiker:innen eingeladen hat.

R:
(amüsiert) Und Studentinnen und Ehefrauen….für den Chorgesang.

Ch:
Und viele junge Kirchenmusiker aus der DDR.

R:
Gute Leute. Seit einigen Jahren schon haben sie an den staatliche Hochschulen studieren können.

Ch:
Das Wichtigste für mich ist, dass ich mit den katholischen Kirchenmusikern aus der DDR sprechen kann. Ich wusste ja so gut wie nichts über ihre Schwierigkeiten. Alle erzählen sehr gerne, und ich bin fasziniert. Damals müssen es regelrechte Einzelkämpfer gewesen sein: Keine angemessene Bezahlung, wenig Arbeitsmaterial, kaum Informationen. Allmählich begreife ich, welch ungeheure Leistung es war (und ist), in der DDR ein katholischer Kirchenmusiker oder eine Kirchenmusikerin zu sein.

R:
Das stimmt wirklich. Inzwischen haben wir natürlich viele Noten beschafft – - Material zum Gotteslob, es gab für uns Übungen zum liturgischen Orgelspiel, intensive Bibel-Arbeit, Informationen zur Liturgie-Reform usw. Und wir Teilnehmer freuten uns an dem Austausch über Orgelimprovisationen…

Ch:
Und Freundschaften! Davon erzählen Alle. Ich könnte außerdem stundenlang zuhören, wenn Herr Friedrich oder Herr Witt von den vergangenen Tagungen berichten…über all die High-Lights. Die Tagungen scheinen immer aufregend gewesen zu sein.

R:
Aufregend in jeder Hinsicht. Moment….ich glaube, das war 1981, als Philipp Harnoncourt seinen Vortrag gehalten hat „ Biblische Grundlagen der Liturgie“ oder früher schon über die Liturgie-Reform. Das Thema war natürlich für uns Alle sehr interessant. Und dann habe ich sogar noch Frau Dr. Johanna Schell kennen gelernt, die ja diese Tagung mit ungeheurem Eifer begründet hat.

Ch:
Das war sicher schwierig.

R:
Unglaublich schwierig…….. Da können Sie Alle fragen.

Ch:
Das mache ich ja schon die ganze Woche. Moment, ist das nicht Herr Friedrich? Wir werden abgeholt! Herr Friedrich kommt durch den Gang.

Fr:
Guten Morgen Roman, guten Morgen Christiane. Ich bin gekommen, um den Heinz Bremer mit zu nehmen. ….Ich sehe schon, wir müssen warten. Roman nickt resignierend

Ch:
Herr Friedrich, Sie wissen doch am besten Bescheid über den Beginn dieser Tagungen.

Fr:
Jaja, der Anfang war natürlich spannend und ganz geheim. 1972 haben ein paar mutige Menschen diese Tagung organisiert. Das waren Frau Dr. Johanna Schell aus Potsdam, Dr. Johannes Aengenvoort aus dem Westen und Monsignore Krawinkel aus Berlin Und die Werkgemeinschaft ist dann Träger geworden. Herr Dr. Aengenvoort erwies sich dann als Spezialist in der Beschaffung von Noten. Auch ich habe das in den späteren Jahren ausgenutzt. Wir durften nämlich Wünsche äußern, und die Werkgemeinschaft hat sie fast immer erfüllt.

R:
Ich weiß, meistens Orchesternoten zu den Messen.

Ch:
Herr Friedrich, haben Sie denn auch schon mal ein Orgelkonzert gegeben? An der Klais Orgel in der Hedwigs-Kathedrale?

Fr:
Nein, nein, ich habe lieber anderen Künstlern zugehört. Vor drei Jahren hat sogar Prof. Dr. Bretschneider gespielt.

R:
Und waren Sie dabei, als Prof. Schieri den Chorgesang geleitet hat?

Fr:
Natürlich, und auch als Prof. Frey aus München hier war. Und vor vier Jahren, 1985, kam sogar der Komponist Petr. Eben. Wie haben seine „Missa cum Populo“ aufgeführt, in der Hedwigs-Kathedrale.

Ch:
Und welchen Arbeitskreis haben Sie jetzt gewählt?

Fr:
In diesem Jahr die Bibel-Arbeit. ….Es geht um das Vater Unser. Und ganz besonders freue ich mich auf den Vortrag von Frau Peek-Horn aus Duisburg.

R:
Ach ja, über die Theologie der Johannes-Passion.

Ch:
Und heute gibt es eine Messe mit Pfarrer Wistuba, nicht nur eine Vesper. Überhaupt finde ich, diese Tagung läuft auch grandios. Ich habe natürlich schon viele Weiterbildungen besucht, aber hier erfahre ich tatsächlich pausenlos etwas Neues, übers Chorsingen, über geistliche Texte, über neuartige Liedbegleitung, über die Vater-Unser-Vertonungen usw.

Fr:
Das geht mir jedes Jahr so.

Ch:
Endlich nicht mehr Einzelkämpfer ? Und ich liebe die Stimmbildung im Kinderchor.

R:
Na klar, Karl Berg fasziniert Alle, mich auch.

Ch:
Vorgestern, sein „Offenes Singen“ war einzigartig….Und gestern: Pater Godehard Joppich! Ich wusste gar nicht, dass es so viel über Gregorianik zu erfahren gibt. Mein Fehler. Ich habe mich bisher nicht darum gekümmert. Pater Joppich vermittelt die Gregorianik, als sei das sehr lebendige Musik.

Fr:
Das ist wahr.. Ich habe ihn schon ganz oft so erlebt.

Ch:
Was ich noch unbedingt wissen will: Herr Weber, Sie haben Herrn Wagner doch eine Schallplatte mit der Musik von Alain überreicht. Wie ist die denn über die Grenze gekommen? Auch mit der Caritas, wie die Noten?

R:
Nein… ich habe sie mir einfach auf den Rücken geschnallt.

Ch:
Das ist genial!! Das könnte ich ja auch mit den Noten zur cis-moll-Messe von Vierne machen.

R:
Vergessen Sie’s. Das ist zu viel Material. Das habe ich mal mit einer Mozart-Messe versucht. Nie wieder! Den Transport der Noten organisiert Dr. Bremer.

Fr:
Der hat eine Menge zu tun. Vorbereitungs– und Nachbereitungs-Treffen …..Leitung der Wochen

Ch:
Perfekt. ….Ach, wenn nur dieser Nerven aufreibende Grenzübergang nicht wär! Ich jedenfalls habe immer Angst.

R:
Seit 1972 nehmen das unsere Leute auf sich. Auch jetzt, 1989, müssen wir das leider. Na ja, in diesem Jahrhundert wird sich daran wohl nichts ändern. Schauen Sie! Gottseidank, da kommt Herr Bremer.

(Alle eilen ab)