...eine musikalisch und menschlich sehr erfüllende Woche

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Bild "Seddin1.jpg"Im Juli 2012 habe ich sowohl beruflich als auch privat Schweres durchgemacht. Danach kam mein Leben allmählich wieder ins Geleis. Mitte August kam ich auf die Idee, einmal wieder Urlaub zu machen, denn der letzte war schon eine geraume Weile her. Ich spürte, dass ich dringend eine Pause machen musste. Daraufhin bin ich alle möglichen Reiseziele durchgegangen, aber zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keinerlei konkrete Vorstellungen in dieser Hinsicht. Eine sehr liebe deutsche Freundin, die auch diese Zeilen übersetzt, hat mir damals von einer Musikwoche im Herbst in Brandenburg erzählt. Ihr Hinweis hat mich sehr interessiert. Die Woche, von der sie mir erzählte, schien sinnerfüllt zu sein. (Die Freundin, Mitglied der Werkgemeinschaft, hatte mir auch von der Wieswoche berichtet, und von dem dort herrschenden Geist…). Nach den schmerzlichen Ereignissen im Sommer war diese Musikwoche eine willkommene Abwechslung. Also fuhr ich am 9. Oktober nach Seddin, ohne vorgefasste Meinung und ohne den blassesten Schimmer von dem, was mich dort erwartete. Die Reise hat sich gelohnt! In der Rückschau kann ich sagen, dass der Aufenthalt in Seddin in mehrfacher Hinsicht sehr bereichernd war:


Bild "Seddin2.jpg"Eine knappe Woche lang habe ich mit mehrheitlich älteren, ja sogar alten Menschen verbracht. Ich muss gestehen, dass ich bei meiner Ankunft eher überrascht war, aber dies ging schnell vorbei und ich gebe zu, dass das enge Zusammensein mit Menschen mit langer Lebenserfahrung ein Geschenk war. Die Tage waren ausgefüllt mit Proben, daneben bestand aber die Möglichkeit, beim Essen oder in den Pausen miteinander zu sprechen und uns gegenseitig ein wenig von unserem Alltag zu erzählen, auch gemeinsam spazieren zu gehen und die einfachen Freuden zu genießen, die uns der dortige Rahmen bot. Ich denke an die Spaziergänge am See, auch an die kurzen Momente des manchmal wohltuenden Rückzuges, aber auch an die Gemeinschaft und das Zusammensein auf der Terrasse des Forsthauses. Dort war es zwar ziemlich frisch, aber die Sonne beschien uns so wohltuend... Ich denke auch an das Tanzen am Abend und an unsere Lachkrämpfe! Meine Gedanken gehen auch zurück an den letzten Abend, an dem wir in fröhlicher Gemeinschaft schöne Geschichten gehört haben wie auch u. a. „Hymnen“ an das Alter…


Bild "Seddin3.jpg"Zusammengebracht hat uns der allen gemeinsame Wunsch, Musik miteinander zu machen; alte Musik, die die Seele erhebt. Als einzige Französin inmitten deutscher Musiker und Musikliebhaber war ich sehr beeindruckt! Zunächst einmal mussten drei Proben am Tag in einem kurzen Zeitraum bewältigt werden; das war ein äußerst dichtes Tagesprogramm, und ich merkte, dass ich mich selbst ein wenig unter Druck setzte…

Bild "Seddin4.jpg"Einige „alte Hasen“ beruhigten mich zwar, indem sie mir sagten, dass wir ja zur Entspannung hier seien und daher nicht allzu perfektionistisch sein sollten, andere erinnerten mich hingegen daran, dass wir unser Bestes geben müssen! Ohlala, was für eine Herausforderung! :)


Bild "Seddin5.jpg"Das Zusammenleben mit anderen in der Gemeinschaft ist eine regelrechte Lektion fürs Leben. Man kann dabei etwas mehr über den anderen erfahren, aber auch über sich selbst, und das ist nicht immer einfach. Daher waren die Morgenandachten, bei denen man den kommenden Tag dem Vater anempfehlen konnte, eine wahre Gnade... Insbesondere, wenn man diese Andacht bei Anbruch des Tages erleben darf, mit dem Blick auf den sich in der Morgensonne in warmen, herbstlichen Farben spiegelnden See, und zusammen mit den Musikern und Chorsängern.

Ich habe eine Woche erlebt, die menschlich und musikalisch sehr bereichernd war. Zur Beschreibung meines Aufenthaltes in Seddin kommt mir da als einziges in den Sinn: eine tiefe Dankbarkeit. Ja, diese Woche war erfüllend…


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Beenden möchte ich meinen Bericht mit einem Auszug aus einem Buch des französischen, stark in der Sozialarbeit engagierten Priesters Guy Gilbert, das unter dem Titel „La vieillesse, un émerveillement. Pour bien vivre son âge.“ [Etwa: „Das Alter, eine große Freude. Guter Umgang mit seinem Alter“; liegt nicht auf Deutsch vor. A. d. Ü.] in Frankreich erschienen ist. Ich habe es gerade erst gelesen.

Die letzte Saite
Sein Leben lang spielt man sein eigenes Liedchen, immer und immer wieder, bis eines Tages eine Saite reißt und dann die nächste… So geht die Sage, dass der berühmte Geiger Paganini bei einem abendlichen Konzert mit so viel Schwung gespielt habe, dass eine Saite sprang, und zwar die dünnste, die Chanterelle (E-Saite). Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und spielte unverdrossen weiter. Dann sprang eine weitere Saite, gefolgt von einer dritten. Das Stück war fast zu Ende. Unter dem rasenden Beifall des Publikums beendete Paganini sein Stück formvollendet mit der einzig noch verbliebenen Saite, der dicken G-Saite. Auch am Ende des Lebens springen die Saiten eine nach der anderen: Man kämpft mit wackligen Beinen, mit dem Gedächtnis, das macht, was es will, auch damit, dass das Aufstehen immer schwerer fällt oder mit abendlicher Müdigkeit. Wie lange können wir noch unser Lebenskonzert spielen? […]
Habe Freude am Altwerden! Mit den noch vorhandenen Saiten kann man, auch ohne bis zum Ende zu glänzen, Schönes zu Gehör bringen. Liebe alte G-Saite. Die letzte und die tiefste. Die Saite der mutigen Geduld, der Weisheit, der Güte und der Anrufung Gottes. Welch schöne Töne können doch aus ihr hervordringen! Wenn die Spiritualität täglich im Gebet und durch das Tun genährt wird, wird sie einem einen durch nichts zu ersetzenden Frieden bescheren. Arbeite hart an ihr! Die Ewigkeit kommt sachte. Was für eine Freude! Das Antlitz, zu dem so viel gebetet wurde und das so ersehnt ist, nimmt Gestalt an. Es ist die Liebe. Dabei hat die Liebe doch kein Gesicht. Sie ist die Ewigkeit, in der es kein Leiden und keine Not mehr gibt. Stehe auf, alter Mensch! Gehe! Laufe nicht, diese Zeit ist vorbei. Aber bewege dich! Gehe hinaus, egal, wie das Wetter ist. Ziehe dich einfach warm an... „mit dem Mantel der Liebe“, wie es uns Paulus nahe legt.

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Mit herzlichen Grüßen,

Eure dankbare Marie

Übersetzung: Hilla Maria Heintz