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„Dreimal werden wir noch wach, heissa, dann ist Weihnachtstag…“ dieses Lied drückt die gespannte Erwartung vor allem der Kinder auf Weihnachten, oder konkreter, auf die Geschenke, die´s zu Weihnachten gibt, aus. Auch wenn es nicht mehr Puppenwagen oder Märklin-Eisenbahn sind, sondern gameboy oder ipod, die heissen Backen haben sich nicht geändert.
Die Bescherung ist zu einem wichtigen Symbol unseres Weihnachtsfestes geworden, obwohl es – wie bei den beiden anderen Symbolen Baum und Krippe, erst relativ spät dazu kam. Die Geschenke waren vormals ein Brauch des Nikolausfestes am 6. Dezember, damit wollte man die legendäre Großzügigkeit des Bischofs von Myra ein wenig nachahmen. Leider wurde dieser schöne Brauch in ein pädagogisches Druckmittel pervertiert: Heute liest der Nikolaus erst eine lange Liste von bösen und guten Taten vor, ehe er die Geschenke verteilt. Der heilige Nikolaus tat genau das Gegenteil: Er verschenkte, ohne nach Vorbedingungen zu fragen; einfach so; nur weil er die Menschen lieb hatte.
Die Geschenktradition hat sich dann nach der Reformation vom Nikolausfest auf´s Weihnachtsfest verschoben, weil die evangelischen Christen keine Beziehung zur Heiligenverehrung hatten, aber auf die schöne Sitte des Schenkens nicht verzichten wollten. Dem haben sich dann peu a peu auch die Katholiken angeschlossen, auch wenn es noch eine kleine Nikolaustradition gibt. Und im Rahmen der Säkularisierung wurde dann aus dem Nikolaus ein Weihnachtsmann, der mit einem roten Umhang und weißen Bart die moderne Weihnachtsdeko bestimmt. Neben dieser Säkularisierung der Geschenktradition hat sich leider auch die pädagogische Funktionalisierung erhalten. Viele Eltern beantworten die Fragen ihrer Kinder nach bestimmten Geschenken mit der Formel: „Mal sehen, ob Du auch brav bist….“
Dieser Missbrauch sowohl beim Nikolaus- als auch beim Weihnachtsfest lässt uns die Frage nach dem Sinn des Schenkens im Rahmen von Weihnachten erneut stellen.
Das Wort Schenken taucht in einigen Weihnachtstexten und –liedern auf. So etwa beim Propheten Jesaia, der die Geburt des Messias vorhersagt: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf seinen Schultern ruht die Weltherrschaft“ oder beim Besuch der drei Weisen, die kostbare Geschenke mitbringen. Und dann im Weihnachtslied:
„---und schenkt uns seinen Sohn“; aber in einem anderen Weihnachtlied umgekehrt: „Mein Herz will ich Dir schenken, und alles was ich hab.“
Sowohl bei den beiden biblischen Texten als auch bei den Liedern fällt der Charakter der Gegenseitigkeit auf: Gott schenkt den Menschen seinen Sohn; die Menschen kommen und bringen ihm Geschenke. Das wäre sozusagen der Idealzustand unseres Zusammenlebens: Die Beziehung zwischen Mensch und Gott, aber auch die unter Menschen sind durch gegenseitiges Schenken bestimmt.
Wir alle wissen, dass das nicht unsere Realität ist: Die meisten Menschen haben das Gefühl, dass einem nichts geschenkt wird, dass man sich alles hart erarbeiten muss.
„Geben ist seliger als Nehmen“ lautet ein frommes Sprichwort. Dagegen steht das Motto der meisten Zeitgenossen: „Nimm, was Du kriegen kannst.“ Gegenseitiges Schenken, das findet nur am 24. Dezember statt, und auch dann noch unter gegenseitiger Konkurrenz: Wer hat das Teuerste, das Größte, das Beste…
Weihnachten ist sozusagen Gottes Gegenmodell: Gott schenkt seinen Sohn, weil er die Menschen liebt, und zwar ohne jegliche Vorbedingungen. Unsere Einschränkung „nur, wenn Du brav gewesen bist“ hat mit Weihnachten nichts zu tun.
Wenn wir also das gegenseitige Schenken als ein Symbol des Weihnachtsfestes praktizieren, dann weil die Geburt Jesu ein Geschenk Gottes an die Menschen ist und wir auf unsere Weise versuchen, dieses Geschenk untereinander zu teilen.
Ich hab vorhin schon angedeutet, welche Zerrbilder diese Versuche manchmal annehmen können, sodass in manchen Familien die Bescherung in einer Katastrophe endet. Andere nehmen von dieser Praxis Abstand, weil sie dieses merkantile „Do ut des“ – „Ich gebe, damit Du mir was gibst“ nicht mehr mitmachen wollen, oder weil wir hier in Deutschland eh schon alles besitzen….
Trotz all dieser Pervertierungen kann ich dem Symbol des Schenkens noch etwas abgewinnen. Wenn uns das gegenseitige Beschenken in unserem normalen Alltag so wenig gelingt, dann doch wenigstens ab und zu mal. Einmal das Gefühl haben, ich krieg etwas geschenkt, ohne dass eine Erwartung dahinter steckt, nur weil der Schenkende mich mag oder gar liebt, das ist doch eine tolle Erfahrung. Einmal die Großzügigkeit spüren, einem anderen etwas schenken zu können, ohne nach der Gegengabe zu schielen, das wär´s doch.
In solchen Momenten wird Wirklichkeit, was ein Kalenderspruch zu Weihnachten sagt: Mach´s wie Gott: Werde Mensch!
Wir wissen, dass wir die wichtigsten Wünsche uns nicht kaufen, sondern nur geschenkt bekommen können. Also machen wir´s wie Gott und schenken einander, was wir wirklich brauchen. Und jetzt will ich nicht gleich mit dem großen Wort Liebe kommen: es geht um so alltägliche Dinge wie ein bißchen Zeit, ein offenes Ohr, ein Lob ohne pädagogische Absichten, eine Geste des Vertrauens und der Ermutigung
Das wären Geschenke für den Alltag, und da kann manches Geschenk unterm Weihnachtsbaum nicht mithalten…

Hubert Pfeil