Wies 3 - 2026

Der Text des »Te Deum« von Anton Bruckner und seine Bedeutung


Hier zunächst der lateinische Text des Te Deum und eine deutsche Übersetzung

Das Te Deum gehört zu den ältesten Texten der christlichen Tradition, entstanden wie Gloria, Sanctus und Credo im 4. Jahrhundert n. Chr. zur Zeit der altkirchlichen Konzilien. Eine legendäre Zuschreibung bringt es in Verbindung mit der Taufe des heiligen Augustinus an Ostern 387 durch Ambrosius, Bischof von Mailand. Vielleicht ist die Osternacht auch sein ursprünglicher Ort. Es handelt sich um einen Hymnus zum Lobpreis Gottes, allerdings nicht in Gedichtform, wie die meisten antiken Hymnen, sondern 29 Textzeilen in Prosa, vergleichbar dem Hymnus des Cicero auf die Philosophie in den Tusculanae disputationes.

Heute wird das Te Deum an Sonntagen und Festtagen außerhalb der Fastenzeit im Stundengebet gesungen oder gebetet und es wird am Ende von feierlichen Gottesdiensten meist in der deutschen Fassung „Großer Gott, wir loben dich“ zum Dank gesungen. Leider wurde das Te Deum ab der Barockzeit in zunehmendem Maße von der Politik vereinnahmt. Schließlich galt es nicht mehr allein der Ehre Gottes, sondern mehr dem Ruhme eines Herrschers, oder der Hymnus erklang anlässlich von Siegesfeiern. So hat Hector Berlioz sein Te Deum 1848 anlässlich der Thronbesteigung von Napoléon III komponiert und mit 900 Mitwirkenden zur Eröffnung der Pariser Weltausstellung 1855 uraufgeführt.

Der Text des Te Deum gliedert sich in zwei Teile, den Lobpreis des dreifaltigen Gottes (1-19) und die vertrauensvolle Hinwendung von uns Menschen zu Gott (20-29) in den Bitten um Erlösung und Erbarmen.

In antiken Texten und Hymnen spielt Zahlensymbolik eine große Rolle und so erkennen wir im ersten Teil drei Abschnitte: Wir, die ganze Erde und alle Engel und Mächte des Himmels loben den unbegreiflichen Gott (1-6), Apostel, Propheten, Märtyrer und die ganze Kirche bekennen den dreifaltigen Gott (7-13) und sie bekennen Jesus Christus, der die Menschen durch Tod und Auferstehung erlöst hat und „den Himmel geöffnet hat“ (14-19).

Die Zahl Drei steht für Gott und so verwundert es nicht, dass der erste Abschnitt in 3x3 strukturiert ist: 3x Anrede Gottes mit te, 3x Anrede Gottes mit tibi, 3x Preis Gottes mit sanctus. Hier wird der Text des Sanctus verwendet, der ein Zitat aus der Berufungsvision des Propheten Jesaja (Jes 6) ist. Die Cherubim und Seraphim stehen über dem Thron Gottes und singen „Heilig, heilig, heilig“. Jesaja begegnet Gott, der aber letztlich unbegreiflich bleibt. Bruckner lässt den Chor das Sanctus im Pianissimo beginnen und bis zum Fortissimo steigern, um den Lobpreis des unbegreiflichen Gottes zum Ausdruck zu bringen.

In zweiten Abschnitt wird mit 4x Anrede Gottes mit te – die Zahl Vier steht für die Welt - das Bekenntnis der Kirche des ganzen Erdkreises zum dreifaltigen Gott eingeleitet: Patrem – Filium – Sanctum Spiritum. Es geht hier um das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes und dafür steht die Zahlensymbolik 4 (Welt) + 3 (Gott) = 7 (heiliges unbegreifliches Geheimnis). Bruckner hat das Geheimnis der Dreifaltigkeit kongenial interpretiert: Patrem immensae maiestatis steht im Piano, nach einer Steigerung zum Forte endet das Bekenntnis mit Spiritum im Pianissimo.

Der dritte Abschnitt des ersten Teils preist Christus als Erlöser, der Mensch geworden ist, den Tod besiegt hat und zur Rechten Gottes sitzt und weist deutliche Anklänge an den Text des Credo auf. 5x wird Christus am Beginn der Sätze mit Tu angeredet. Das ist wohl kein Zufall, die Zahl Fünf steht für die Liebe, und damit wird unterstrichen, dass Gott seinen Sohn aus Liebe zu uns Menschen hingegeben hat. So hat Christus für die Menschen den Himmel geöffnet, Bruckner hebt diese zentrale theologische Aussage hervor, indem er den Chor a capella im Pianissimo singen lässt aperuisti credentibus regna caelorum.

Im zweiten Teil wenden sich die betenden Christen an den Herrn und bitten um Hilfe, Rettung, Segen und Erbarmen und geben ihrer Hoffnung Ausdruck, dass sie nach dem Tod in der ewigen Herrlichkeit ganz bei Gott sein werden. Interessant ist, dass Bruckner einige zentrale Aussagen a capella ohne Orchester singen lässt.

Der letzte Satz des Te Deum ist ein persönliches Bekenntnis eines Einzelnen, es wird dazu der Anfang von Psalm 31 zitiert: In te, Domine, speravi, non confundar in aeternum. Auf dich, Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt, lass mich in Ewigkeit nicht zugrunde gehen. Der majestätische Hymnus des »Te Deum« schließt mit diesem Ruf des Glaubens, des vollkommenen Vertrauens auf Gott, mit dieser feierlichen Verkündigung unserer Hoffnung, dass wir in Gott geborgen sein werden.

Das war sicherlich auch die persönliche Glaubensüberzeugung Bruckners, der das Te Deum ohne irgendeinen Auftrag komponiert hat, nach eigener Aussage „Gott gewidmet hat“ und mit Omnia ad maiorem Dei gloriam (Alles zur größeren Ehre Gottes) überschrieben hat.

Verena Grillhösl