Kunst trifft Kunst 2026

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Sehen und Singen zwischen Fichtelgebirge und fränkischer Schweiz
Kloster Speinshart vom 13. bis 17. Mai 2026


„Richte dich auf – Sing in die Ferne – Mach es mit Freude“, so begann das Einsingen in die abendliche Chorprobe. Ein bemerkenswerter Ansatz, fand ich, und wohltuend abweichend von den sonst im Chor üblichen Übungen zum Aufwärmen.
Und im Nachhinein denke ich, dass in übertragenem Sinne diese Worte auch sehr passend für das Programm dieser Tage sind. Es bot die Möglichkeiten, mit Spannung und wachem Interesse Neues wahrzunehmen, den Blick für das Zusammenwirken von Künstlerischem und Spirituellem zu weiten, und dies alles im gemeinschaftlichen Erleben aller Teilnehmenden.

Kloster Speinshart liegt sehr idyllisch und ziemlich abseits südöstlich von Bayreuth. Die barocke Klosteranlage ist imposant und historisch interessant, handelt es sich doch um ein fast vollständig erhaltenes Klosterdorf. In dem zentralen Klosterbau leben die Prämonstratenser-Chorherren, in den Seitengebäuden Privatpersonen. Beim Spazieren durch die Anlage bin ich an kleinen, individuell gestalteten Vorgärtchen, an privat genutzten Gemüsebeeten, einem Spielplatz und einer Grünfläche zur privaten Nutzung vorbeigekommen. Hier wird Alltag in einer hervorragend restaurierten historischen Anlage gelebt. Die wunderschöne barocke Klosterkirche dient auch als Gemeindekirche und sie war beim abschließenden Sonntagsgottesdienst voll besetzt.

Ich habe zum ersten Mal an „Kunst trifft Kunst“ teilgenommen und war sehr gespannt. Wie gelingt es, innerhalb von vier Tagen aus einem zufällig zusammen gekommenen Teilnehmerkreis einen Chor zu formen? Wie gelingt es, Bezüge zwischen Musik und Kunst so zu gestalten, dass sie nicht nur nachvollziehbar, sondern auch „lebendig“ werden?
Die erste Überraschung erlebte ich bei der Begrüßung: Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kannten sich bereits von vorherigen „Kunst-trifft-Kunst“-Wochen oder anderen Veranstaltungen der Werkgemeinschaft. Es gab nur wenige „Neue“. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, in eine „geschlossene Gesellschaft“ zu kommen, sondern begegnete sehr freundlicher Aufnahme und wohltuender Offenheit.

Von Beginn an beeindruckt haben mich unsere beiden Leiter, Herr Hubert Pfeil und Herr Arno Leicht.
Hubert danke ich für eine sehr umsichtige Organisation. Schon vor dem persönlichen Kennenlernen nahm er die Teilnehmenden „an die Hand“ mit hilfreichen Infos zum Essen, Parken, Fahrverbindungen und Umleitungen auf der Strecke … Es blieben keine Fragen offen.

Bewegt haben mich seine „Impulse“. Ich konnte mir beim Lesen des Programms gar nichts darunter vorstellen. Es handelte sich um kurze Andachten, in denen verschiedene Facetten des Themas „Erlösung“ beleuchtet wurden. Sehr wohltuend empfand ich den zutiefst menschlichen Blick darauf, der von den individuellen Erfahrungen ausging und nicht von althergebrachten Lehrmeinungen der Kirche. Abgestimmt auf dieses Thema haben wir für die Andachten am Vorabend Chorsätze einstudiert.

Arno Leicht kam die schwierige Aufgabe zu, aus den Teilnehmenden einen Chor zu formen, der innerhalb von drei Tagen im Gottesdienst auftreten kann. Wie das gelingen könnte, darauf war ich sehr gespannt. Und … es gelang ihm … mit Hilfe der drei Grundprinzipien „Richte dich auf – Sing in die Ferne – Mach es mit Freude“. Mit viel Geduld und charmantem Humor korrigierte er uns, gab uns etliche sehr hilfreiche Erklärungen, wie die gesangstechnischen Hürden zu bewältigen sind, und feilte unermüdlich am Chorklang.

Und das war auch noch nicht alles: Arno erläuterte uns sehr kenntnisreich und kompetent bei den Besichtigungen die kunsthistorischen Hintergründe.

Genossen habe ich auch die Rezitationen von Horst Pfeuffer. Er trug - zu den besuchten Stätten passend – vorwiegend barocke Gedichte sehr lebendig vor. Es war eine Freude ihm zuzuhören. Es hat sicher einige Mühe bereitet, die passenden Gedichte zu finden. Vielen Dank dafür.

Worin lagen nun denn die verbindenden Elemente zwischen den Künsten?
Ein Schwerpunkt lag auf dem Barockzeitalter: Kloster Speinshart und das Kloster in Waldsassen sind in diesem Stil gebaut und die Innenräume entsprechend ausgestaltet, auch die Dreifaltigkeitskapelle in Kappl und das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Musikalisch passten dazu die Chorsätze „Alta Trinità“ und „Mit Jauchzen freuet euch“ von G.F. Händel, die wir an den besichtigten Orten gesunden haben. Hinzu kamen dann die passenden Rezitationen.

Die Dreifaltigkeitskirche in Kappl ist architektonisch ein Kleinod, weil sie die Idee der Dreifaltigkeit in ihrer Architektur widerspiegelt. Um ein zentrales gleichseitiges Dreieck ist an jeder Seite ein halbkugelförmiger Raum angebaut, von außen erkennbar an den drei Türmen und drei kleineren Dachreitern. Innenbemalung und Altäre sind entsprechend Gott Vater, Gott Sohn und dem Heiligen Geist gewidmet.

Beeindruckt hat mich auch das Kloster Waldsassen mit seiner riesigen barocken Klosterbasilika und die mit ausdrucksstarken Holzfiguren und filigranen Holzschnitzereien ausgestaltete Bibliothek. Mit Hilfe des kleinen Flyers, in dem verschiedenen Blickrichtungen zur Betrachtung der Figuren angegeben waren, wurde die raffinierte Mehrdeutigkeit der Figuren sehr deutlich.

Für mich bot der zweite Tag besondere Highlights. Am Vormittag besichtigten wir die Klaviermanufaktur Steingraeber. Es ist per se schon außerordentlich interessant, Einblicke in die Vielfältigkeit der handwerklichen Schritte beim Bau eines Flügels oder Klaviers zu nehmen. Zu einem besonderen Erlebnis wurde die Besichtigung durch die Führung von Herrn Schmidt-Steingraeber, der neben den technischen Details auch umfassendes kulturgeschichtliches und ökonomisches Wissen einfließen ließ.  Er strahlte eine solche Leidenschaft für den Klavierbau aus, dass ich ihm noch lange hätte zuhören können. Als Reminiszenz zu der Besichtigung erfreute Arno uns abends mit einem Klaviervortrag einer Mozart-Sonate.

Als große Opernliebhaberin begeisterte mich auch das Markgräfliche Opernhaus – gebaut für die Vermählung der Tochter des Markgrafen - und das dazugehörige Museum. Angeregt von der Entstehungsgeschichte habe ich bis spätabends noch die Lebensgeschichten der markgräflichen Braut und des berüchtigten Bräutigams, Herzog Karl Eugen von Württemberg, nachgelesen, unter dem ja auch Friedrich Schiller gelitten hat. Die junge Ehefrau hat es nur wenige Jahre ausgehalten und ihren Mann dann verlassen, sehr außergewöhnlich für die Zeit. Also hat sich der bombastische Aufwand mit dem Bau des Opernhauses gar nicht gelohnt, aber wenigstens wir dürfen es jetzt bewundern.

Die St. Josefskirche in Weiden, die wir am dritten Tag besuchten, fiel dann kulturgeschichtlich aus dem bisherigen Rahmen, diesmal kein Barock, sondern neugotische Architektur aus dem frühen 20. Jahrhundert mit einer reichhaltigen Innenausstattung im Jugendstil. Die kundige Führerin erläuterte vieles sehr anschaulich, aber ich bedauerte die teils schlechten Lichtverhältnisse in der Kirche, weshalb vor allem die Deckengestaltungen fast nicht zu sehen waren.

Am Nachmittag stand ein Besuch des Keramikmuseums in Weiden auf dem Programm, in dem der Schwerpunkt auf das Design von Gebrauchskeramik gelegt ist. Den Ansatz fand ich ansprechend, weil in der Ausstellung Objekte aus der Frühgeschichte bis in unsere Zeit gezeigt sind, auch Objekte aus anderen Kulturkreisen. Hier hätte ich mir aber wenigstens eine kurze Altersangabe an den Objekten gewünscht, um bestimmte Gestaltungsmerkmale besser vergleichen zu können.

Die Woche endete mit einem Gottesdienst am Sonntag, in dem vier der einstudierten Chorsätze erfolgreich aufgeführt wurden. Ich weiß nicht, ob Zufall oder abgesprochen, der Zelebrant hielt eine Predigt über die Musik Bachs zur Ehre Gottes und Arno beschloss den Gottesdienst mit einem wunderbaren Orgelspiel über das B-A-C-H-Motiv.

Sehr genossen habe ich die vielen persönlichen Begegnungen mit den anderen Teilnehmenden bei den gemeinsamen Mahlzeiten, den Ausflügen und vor allem den abendlichen Treffen nach der Chorprobe. Wir haben viel erzählt und gelacht. Hier passt sehr schön eine Strophe aus dem rezitierten Gedicht von Simon Dach, das Horst vorgetragen hat:

Der Mensch hat nichts so eigen,
So wohl steht ihm nichts an,
Als daß er Treu erzeigen
Und Freundschaft halten kann,
Wann er mit seinesgleichen
Soll treten in ein Band,
Verspricht sich, nicht zu weichen
Mit Herzen, Mund und Hand.

Ich bedanke mich bei Arno, Hubert, Horst und allen Teilnehmenden für die vielen sehr bewegenden Momente und ich komme sehr gerne zu weiteren Kunst-trifft-Kunst-Wochen.

Gabriele Dölling