Start: 6.00 Uhr in Berlin zur Wies. Eine zügige Fahrt ohne Stau bescherte uns einen Abstecher nach Kloster Andechs, wo wir unter Sonnenschirmen - das war nötig, denn die Sonne stach ganz schön -  das köstliche Andechser Bier sowie die nicht weniger mundende Küche genossen. Ankunft in der Wies: gegen 16.00 Uhr. Die ersten Regentropfen fielen.

Auffahrt zur Wies mit dem Instrumentenbus: Ausladen nicht möglich. Baufahrzeuge blockierten die Auffahrt. Also ging es zurück zum allgemeinen Parkplatz. Der Regen prasselte mittlerweile, abwarten, irgendwann wird es schon aufhören. Aber so lange wollten wir nicht ausharren. Aussteigen, den Koffer mitnehmen und durch den Regen zur Empfangshalle starten. Hätte es nicht so geregnet, wir wären erstarrt stehengeblieben. Das Bild, was sich uns bot, war nicht gerade einladend. Nicht nur vorne die Baufahrzeuge, auch hier, Achtung: Du betrittst eine Baustelle!

Wir wußten ja, daß die Umbaumaßnahmen noch nicht abgeschlossen waren, aber so hatten wir es uns alle doch nicht vorgestellt, dazu Preßlufthämmerstimmen, na - prosit - wie werden die Proben ablaufen bei so einer Hintergrundmusik? Als ich meinen Koffer im Zimmer ausgepackt hatte und auf der Raucherbank (das Glas für die Kippen stand wie jedes Jahr an der selben Stelle) meine erste Zigarette auf der Wies rauchte, beklagte sich einer der Arbeiter über die für sie nun eintretende Habachtposition. Sie dürften nicht mit voller Kraft weiterarbeiten, denn ... das wäre im Hinblick auf die notwendige Konzentration beim Singen nicht möglich. Ich meinte nur - na, dann müssen wir eben lauter singen, was sich im Hinblick auf den 150. Psalm von Bruckner als durchführbar denken ließ. Aber, die Koordination bei den Proben lief dann doch sehr gut, wir wurden wirklich wenig gestört. Anders sah es aus mit den Räumlichkeiten. Das so wohnliche Bierstübl erstrahlte in des Wortes wahrster Bedeutung in hellem Weiß, nackte Glühbirnen von den Decken ließen Gemütlichkeit gar nicht erst aufkommen und die fehlenden Dekorationen: sprich Bilder, Vorhänge usw. ließen ein geradezu höllisches Spektakel aufkommen, wenn die Tische voll besetzt waren und man ein Gespräch in Gang zu bekommen versuchte. Da konnte man - wenn man Glück hatte - gerade mit seinen Nachbarn kommunizieren, das wars dann aber auch schon. Aber das wird im nächsten Jahr ja auch vorbei sein.

Das erste gemeinsame Ansingen mit Chor und Orchester am Donnerstagabend war - eigentlich schon fast vertraut - ziemlich chaotisch. Wie wollen wir das schaffen? Bruckners 150. Psalm, der Anfang so trügerisch einfach in C, aber dann. Die chromatischen Oktavsprünge von oben nach unten und umgekehrt (die Dietmar Hiller bis zum Exzeß mit uns übte), die für den Alt so überaus schwierigen Passagen, weil thematisch unabdingbar, der Wechsel von ppp bis zu fff. Da war chorisch Schwerstarbeit angesagt. Auch die Bach-Kantate erwies sich als Stolperstein, abgesehen von den Koloraturen in allen Stimmlagen gab es da Ätsch-Takte selbst für geübte Sänger, denn, das war nicht die originale Fassung wie in der h-moll-Messe. Mozarts ‚Dixit Dominus' und ‚Magnificat' - zwar relativ einfach - war aber für die meisten Sänger Neuland.

Die konzentrierten Proben mit den notwendigen Einsingübungen von Herrn Witt und Herrn Hiller (der es sich nicht nehmen ließ, den C-Dur Akkord mit dem Namen ‚Wiesengrund' singen zu lassen, - nur verständlich für Teilnehmer des Literaturkreises) ließen ein abschließendes Konzert in der Wies erklingen, das sich (so wird es auch die CD-Aufnahme von Carsten Leschick zeigen) durchaus hören lassen kann. Und der Beifall des Publikums - die 8. Sinfonie von Antonin Dvorak unter der Leitung von Thomas Hofereiter war ein Highlight - zeigte uns allen wieder mal, es lohnt sich, diese Zeit der zwar für jeden Chorsänger freudemachenden aber auch anspannenden und kräftezehrenden Probenarbeit auf sich zu nehmen. Das ist nicht nur für uns ein Freude bringendes Erproben der jeweiligen Fähigkeiten, der Beifall des Publikums strahlt zurück und beflügelt jeden Teilnehmer dazu, sich neuen, noch nicht bekannten Musikerlebnissen zu stellen.

Eine ausgewogene Besetzung in allen Stimmlagen war angesagt, ein zahlreicher und guter Tenor - eine Seltenheit - konnte sogar das Ausbleiben des Solo-Tenors bei Mozarts ‚Spatzenmesse' leicht verschmerzen. Rudi Schmitz sang das Tenor-Solo in der Sonntagsmesse in der Wies schön und sauber. Den Solo-Tenor hinderten Unwetter mit 10 Zentimeter hohen Hagelanhäufungen auf der Autobahn, rechtzeitig zu erscheinen.

Gewisse Unregelmäßigkeiten bei den Tenorproben - verspätetes Erscheinen und totales Nichterscheinen - erklärten sich mir bei der Generalprobe: Harry Potter and the Deathley Hallowas, gerade erschienen, zwar noch nicht auf Deutsch, aber immerhin auf Englisch, wurde von den jungen Tenören verschlungen. Die letzten Seiten (ich habe es hautnah miterlebt) wurden bei der Aufführung von Dvoraks 8. gelesen. Der musikalische Einsatz war dann aber wirklich bravourös.

Das Wetter zeigte sich genau so abwechslungsreich wie in ganz Deutschland: orkanartige Wolkenbrüche wichen sonnigen, hochsommerlichen Tagen, Venus zeigte sich am sonntäglichen Grillabend und verhieß eine  sternklare Nacht, die Großstadtbewohner den ungewohnten Genuß auf den Großen Wagen, den Kleinen Wagen, die Milchstraße bewundernd gestattete.  Das klare, scharfgeschnittene Relief der Alpengipfel begrüßte den zum Morgenlob eilenden Sänger. Der nächste Morgen zeigte sich wieder wolkenverschleiert, trübe, eben Arbeitswetter.

Ein Höhepunkt der Woche war wieder der ökumenische Gottesdienst am Mittwoch, die der zusammengewürfelte Jugendchor so schön gestaltete. Die gemeinsam gesungenen Sätze von Lahusens ‚Glaubenslied' und ‚Herr, gib uns die Einheit wieder' im Satz von M. Witt  unterstrichen den ökumenischen Bezug - für mich immer wieder ein geradezu drängendes Gebet.

Das gelungene Konzert - Thomas Hofereiter und Dietmar Hiller unterstützten gekonnt den Tenor - war dann ein guter Anlaß, in der Landvolkshochschule noch tüchtig zu feiern.

Die (wegen der  Zeitknappheit, Konzert erst um 19.00 Uhr und Beginn des ‚Bunten Abends') eher kurzen Beiträge waren wieder einmal voller Charme. Die ‚Kleine Moma' mit Beiträgen der Bastelgruppe Bettina Witt zeigte Aquarelle und Mosaiken phantasievoller Neueinstieger, die mit Agnes eingeübten ‚Höfischen Tänze' waren zauberhaft, vor allem, wenn man die generationenüberschreitende Besetzung in Betracht zieht, die Jugendlichen brachten ihren Harry Potter-Beitrag sowie ihren ‚Letztes Jahr war Witt-Abschied' gekonnt zur allgemeinen Erheiterung auf die Bühne.

Der im letzten Jahr zum Abschied von der ‚Witt-Ära' zu begießende Baum wurde - nach langem Suchen und der Furcht, er wäre den Baumaßnahmen zum Opfer gefallen - doch noch wohlbehalten und kurz vor der Blüte gefunden. Ist das ein Vorzeichen - nächstes Jahr wieder Wies mit Witt?

Gerlinde Redzich