Die Wies war für mich (und auch Andere) diesmal etwas verkürzt, weil es diverse Terminüberschneidungen gab. In Berlin war am Samstag noch eine Hochzeit angesagt, bei der wir unter dem Dirigat von DKM i.R. Michael Witt gesungen haben, Prof. Gernot Süßmuth kam von einer Konzertreise direkt aus den USA angereist, drei Tenöre (immer in der Minderzahl, immer gefragt) stießen erst am Sonntag und Montag zu uns, auch die Instrumentalisten wurden erst später vollzählig - sozusagen eine Stotteranreise.

Als der VW-Bus aus Berlin am Sonntag ziemlich genau um 0.00 Uhr eintraf, wurden wir von den uns Erwartenden stürmisch empfangen, Gott sei Dank - Michael Witt ist da - und - nun sind wir wenigstens 7 im Tenor. Die Hinreise von Berlin nach Steingaden ging zügig, ohne Staus, lediglich einige Baustellen behinderten ein schnelleres Vorwärtskommen, insgesamt eine Fahrt ohne Bremsen. Müde waren wir schon, aber der freundliche Empfang, die Ausdauer der auf uns wartenden Mitstreiter ließ uns doch noch ein erfrischendes Bier in der frühen Morgenstunde mit den dazugehörenden Gesprächen genießen.

Sonntagmorgen dann Generalprobe für den anschließenden Gottesdienst in der Wies unter der Leitung von Thomas Hofereiter. Als Herr Witt sich die Reihen der anwesenden Männerstimmen ansah, 12 Bässe gegen 7 Tenöre, da entschloß er sich, im Tenor mitzusingen, was nur dankbar akzeptiert wurde. Das 'Kyrie' und das 'Agnus Dei' aus der 'Missa von Wolfram Menschick erklangen - mehr war in der kurzen Probezeit einfach nicht zu schaffen, dann noch die Vertonung des 150. Psalms von Arnold Mendelssohn, beides von den Blechbläsern und Streichern gelungen begleitet. Der Sonntagnachmittag stand zur freien Verfügung, was ich nach der langen Fahrt am Vortag dankbar ausruhend genoß. Abends dann Grillabend - man sehe sich das Bild mit den Rauchwolken an, das Herr Wember u.a. dankenswerterweise übermittelt hat, dann weiß man oder erinnert sich an die Köstlichkeiten. Und einmal ein Grillabend ohne Regen, klare Fernsicht, so daß ein spontaner spätabendlicher Ausflug zum Auerberg einen wunderbaren Ausblick auf die Alpen versprach, die Zugspitze konnte man zwar nicht klar sehen, aber immerhin erahnen. Der Aufstieg zur Aussichtsplattform im Turm der kleinen Kirche auf dem Auerberg erwies sich als abenteuerlich, kein Licht, total verwinkelte Treppenstiegen, und dann - kurz vor dem Ziel - erschreckte uns noch der Klang der Glocken. Aber es hat sich gelohnt und dort oben in der Kirche, ein beliebtes Ausflugsziel, konnte dann auch noch das Plakat für unser Wieskonzert plaziert werden.

Das Wetter war überhaupt dieses Jahr ein Pluspunkt, ganz Deutschland stöhnte ja unter der Hitze, aber im Allgäu, speziell in der Wiesregion, wehte tagsüber ein kleines Lüftchen, nachts gab es angenehme Abkühlung (bis zu 9° fiel das Thermometer) und der sternenklare Himmel ließ uns Großstädter eine Himmelsnachtlandschaft genießen, die wir uns in Berlin nur erträumen können. Man mußte nur einige Schritte aus dem (vergleichsweise) kleinen Lichtkreis der Landvolkshochschule treten, um in tiefster Finsternis den Großen Wagen, die Milchstraße und die unzähligen Sterne bewundern zu können, die man sonst so gut wie nie erkennen kann.

Am Montag begann dann für mich der normale Probenalltag der Wies, Morgenlob in der Kapelle, dann Frühstück (so wohlschmeckend, daß alle guten Vorsätze in puncto schlanker Linie mal wieder als unbenutzt zu verzeichnen sind, allein die schon sprichwörtliche Wiesleberwurst verscheucht jeden Gedanken an zu reduzierendes Körpergewicht), anschließend morgendliches Einsingen mit Agnes Krämer, köstlich begleitet von mutig Motivierten aus dem Orchester, die sich herzerfrischend erfinderisch einbrachten, gefolgt von Stimmbildung für die Chorsänger bei Heidegard Moll, Einzelstimmen- und Gemeinschaftsproben des Chores, Registerproben und Plenum des Orchesters bis zum Mittagessen, da war man dann schon gefordert und der Schweiß - ohne ihn bekanntlich kein Preis - rann. Wie immer stöhnte man anfangs und dachte, das kann ja gar nicht gelingen. Die geistlichen Hymnen von W.A. Mozart erwiesen sich als höchst dramatisch, 'Zauberflöte', 'Don Giovanni' und 'Figaro's Hochzeit' lassen sich vorausahnen, keine leichte Kost. Und Anton Bruckners 'Te Deum' verlangt allen, sowohl im stimmlichen wie auch im instrumentalen Bereich, sowieso ein Höchstmaß an Kraft und Konzentration ab. Hut ab vor Johannes, wie einfühlsam der in seinem Alter die Pauke bei Mozart und Bruckner handhabte, das war schon erstaunlich. Das Mittagessen - wie immer gut und reichhaltig - war danach richtiggehend verdient. Ausgerechnet, als ich es mir einfallen ließ, ganz (der Hitze angemessen) in Weiß zu erscheinen, machte mir der Speiseplan klar, daß das an diesem Tag wohl sehr gewagt war: Tortellini mit Tomatengusto war angesagt. Aber Herr Witt meinte nur (wir hatten die Chorprobe nicht bis zur letzten möglichen Minute ausgereizt): "Sie haben ja noch Zeit, sich umzuziehen" - dem Rat bin ich umgehend gefolgt, nur, um nach dem Essen vom Ratgeber zu hören, daß er - trotz gehöriger Vorsicht - nicht verhindern konnte, daß eine tomatensoßengetränkte  Tortellini es vorzog, sein helles Oberhemd farbenfroh zu verzieren. Der Tag, als es Schnitzel gab, wird nach eigener Aussage im Leben von Dr. Dietmar Hiller als 'Schnitzeltag' in Erinnerung bleiben - viele Vegetarier, viele Schnitzel, so gab es abends noch ganze Platten kalter Schnitzel, die entsorgt werden mußten, kein Problem für Dr. Hiller, der sich für die lange mahlzeitlose Nacht noch mit einem Betthupferl eindeckte.

Erfreulicherweise waren die Arbeitskreise wieder im Nachmittagsbereich, so daß man bis zur nächsten Probe um 16.30 Uhr gesanglich, musikalisch, besinnlich, schöpferisch kreativ oder, wenn erwünscht, auch faulenzend, abschalten konnte. Letzteres tat ich dieses Jahr, ein ausgiebiger Mittagsschlaf sollte meine Rekonvaleszens beschleunigen, aber - Dienstag gab es Himbeerschmandtorte - und langer Mittagsschlaf verhindert die Teilnahme am nachmittäglichen Kaffe. Ein bißchen traurig meinte ich: "Darauf verzichten, wie schade". Nun - ich hatte nicht mit der liebevollen Fürsorge meiner Neuanwerbung aus unserer Seniorenkantorei gerechnet. Rosemarie stellt mir doch tatsächlich ein Tablett mit Kaffee, Torte und einem Blumensträußchen vor die Tür, so daß ich doch noch in den Genuß dieser Köstlichkeiten kam. Danke!

Voller Einsatz war dann wieder beim Plenum nach dem Abendessen angesagt. Aber danach konnte man - je nach gusto - tanzen oder gleich das Bierstübl aufsuchen, um die neuen Teilnehmer kennenzulernen (immer wieder erfreulich, was sich da in diesem Jahr vor allem auf dem Orchesterbereich neu eingebracht hat - hoffentlich nicht nur für die Wies 2006), sich auszutauschen, kurz gesagt, den Tag ausklingen zu lassen. Ein besonderer Dank sei an Peter Döring gerichtet, dessen Barkeepertätigkeit eine lückenlose Kasse (ich glaube, zum ersten Mal) bescherte.

Bei den Chor- und Plenumsproben gab es die üblichen kleinen Zwischenfälle: Die Augen zum Dirigenten zu erheben, das ist sowohl bei Chorsängern als auch bei Instrumentalisten wohl eher eine Ausnahme. So bekam der Bass die Hausaufgabe: 10 mal schreiben, ich soll nach vorne schauen. Die Bläser hatten da auch so ihre Schwierigkeiten. Jedenfalls wurde vom Dirigenten angesagt: "Ich gebe sogar Einsätze, Sie brauchen nur herzugucken" (wozu ist ein Dirigent eigentlich da?). Takte, die wiederholt werden sollten, wurden nach lauter Ansage, Takt 132 bitte (und wieder war es ein falscher Einsatz) per Flüstertüte weitergegeben mit dem Zusatz: "Weitersagen!". Hat sogar geholfen. Epileptische Wasserflaschen unterbrachen mit viel Krach Pianoeinsätze, aber insgesamt herrschte eine gute Arbeitsatmosphäre, das Wetter tat ein übriges, keine stimmlichen Ausfälle, so daß wir - obwohl für solch dramatische Werke doch eine recht geringe Sängerzahl - ganz optimistisch zum Konzert gingen. Die Zuhörer jedenfalls belohnten unsere Darbietung mit Standing Ovations, aber - nach Bruckners 'Te Deum' verbietet sich jede Zugabe von selbst.

Am Abschlußabend - nun wohl leider endgültiger Abschied von Michael Witt als Chorleiter und Bettina Witt als Referentin für kreatives Gestalten - überreichte Agnes Krämer als 'Gärtnerin der Wies' "aus gegebenem Anlass" symbolisch und wortreich Sonnenblumentöpfe für alle Referenten. Der von ihnen gelegte Samen möge - wo auch immer- blühen und gedeihen. Michael Witt erhielt einen Baum mit dem wundersamen Namen 'Die sieben Söhne des Himmels', ein exotisches Gewächs, was aber in unseren Breiten im Herbst blühen soll (herbstliches Blühen verspricht einen erfüllten Lebensabend). Ihm muß er natürlich sorgliche Pflege angedeihen lassen, wenigsten überprüfen, ob er richtig angewachsen ist und sich an seinem Platz vor der Kapelle auch wohl fühlt - ein schönes Symbol für 11 Jahre Wiesleitung.

Dominik Kaulen (letztes Jahr wurde sein Resümée sehr vermißt) gelang mit seinem Rückblick auf die Witt-Ära (Denn Witt bleibt Witt, er ist und bleibt ein Hit) ein ebenfalls hitverdächtiges Fazit. Und dann die immer wieder so überraschenden Beiträge der Jugendlichen, die Chor- und Orchesterprobe á là Hofereiter, das 'Abendlied' im Bademantel und Nachtmütze, natürlich mit Kerze, bei so viel inspirierter inhaltsvoller Phantasie  kann man nur davon ausgehen: 'Die Nachfolge ist gesichert'. (Wies mach süchtig. Wie ich es habe munkeln hören, können selbst langjährig Dabeigewesene nicht ganz verleugnen, daß sie durch ein Schlupfloch bei der nächsten Wies auch wieder dabei sein wollen - hoffentlich!).

Gerlinde Redzich